Antisemitismus ohne Juden

waterford

Als ich 2010 nach Irland kam, da war ich positiv überrascht was den Umgang mit Juden betraf. Sowas war ich aus Deutschland nicht gewohnt, und als ich in den Bus stieg, da traute ich meinen Augen nicht. Jemand mit Kippa saß neben einer jungen Frau mit Kopftuch. Als dann, etwas später, ein Rabbiner an mir vorbeilief, da war ich der Einzige der sich umdrehte. In Deutschland ist so etwas unmöglich. Jude, ja, aber bitte nicht mit Kippa und nach Möglichkeit nicht erwähnen dass man Jude ist, das geht gar nicht. Nicht nur Rechte, sondern auch Muslime und Linke wittern sofort einen Agenten des Mossad.

Hier, da war es absolut kein Problem und mit Gerald Goldberg hatte die Stadt, in der ich lebe, sogar einen jüdischen Bürgermeister. In Deutschland undenkbar.  Erst später lernte ich, dass man als Jude keine Probleme hat, solange man nur unpolitisch ist. Juden spielen in Irland keine Rolle. Es leben etwa 2300 Juden in Irland, die meisten in Dublin. Sie sind aus Ost-Europa, oder den USA und überwiegend bei den multinationalen Firmen angestellt. Es gibt auch einige Israelis die hier arbeiten und alle haben sie eins gemeinsam, sie fallen nicht auf.

Das sollte man auch, denn wenn man sich positiv gegenüber Israel äußert, dann kann das Desinteresse sehr schnell in Aggression umschlagen. Auch wenn es publik wird, dass man Israeli ist, dann hat das Folgen. Die Professorin für Soziologie am Trinity College, Ronit Lentin, hatte so lange kein Problem, solange nichts positives zu Israel über ihre Lippen kam. Da sie zum Thema des Israelisch-Palästinensischen Konflikt forschte und sich auf die Seite der Palästinenser stellte war das kein Problem. Erst als sie sich zum Thema Immigration in Irland äußerte, da schlug die Stimmung auf der üblichen Seite um. Aber nicht weil sie Jüdin ist, sondern weil sie Israelin ist. Dabei hat sie all denen, die „nur“ Israelkritik üben, in einem Interview einen Freifahrtschein ausgestellt in dem sie erklärte, dass sie als Israeli Verantwortung für das übernimmt, was im Nahen Osten passiert.

Antisemitismus, so habe ich hier in Irland gelernt, findet nämlich ohne die Juden statt. Obwohl, so richtig ist das auch nicht, aber fast. Alan Shatter, von 2011 bis 2014 Justiz-und Verteidigungsminister, war die gesamte Zeit während seiner Laufbahn als Politiker antisemitischen Äußerungen, meist von Fianna Fáil, ausgesetzt. Als er aber in einer Rede 2015, anläßlich einer Veranstaltung zum Thema Juden in Irland sprach, da brach sich der antisemitische Furor, dessen Ziel er schon vorher war, Bahn. Nun stand der Mann, der ihm E-Mails antisemitischen Inhalts geschickt hatte zwar vor Gericht, das macht die Sache aber nicht besser.

Der irische Antisemitismus, der sich im Pogrom von Limerick 1904 ausdrückte, brauchte Juden nicht wirklich um zu entstehen. Heute bezeichnet er sich als Antizionismus/Israelkritik und, das ist das Perfide, kommt dieser gänzlich ohne Juden aus. Es gibt sie einfach nicht. Und wenn Jack Engelhard in einem Artikel auf Arutz Sheva fragt wann Irland antisemitisch wurde, dann ist das nicht ganz korrekt.

Zuerst ist mir das aufgefallen im Sommer 2010. Kurz nach dem Mavi Marmara Zwischenfall, da zogen durch verschiedene irische Städte Aktivisten des IPSC um gegen Israel zu demonstrieren.  Ein oder zwei Wochen später standen sie vor Marks&Spencer und riefen zum Boykott israelischer Waren auf. Das Event, man hätte es auch „Iren wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ nennen können, wurde begleitet von einer Hand voll Aktivisten, die in dem Moment laut wurden, als ich die Diskussion mit dem Redner beginnen wollte, der, sobald ich ihm auf die Schulter tippte, weiter weg ging, Er wollte halt in seinem Furor nicht gestört werden.

Ende August war dann der Höhepunkt der Antiisrael Festspiele. Auf einem Platz hatten die Aktivisten des IPSC eine Bühne aufgebaut und die üblichen Reden wurden geschwungen. Da ich den Stand passieren mußte stand mit plötzlich eine Aktivistin im Weg und wollte mir einen Flyer mit den Worten in die Hand drücken, „das, was die Israelis machen ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Auf meine Frage was die Israelis denn ihrer Meinung nach machen. meinte sie den angeblichen Massenmord an den Palästinensern. Ich fragte sie dann ob sie schon mal im Nahen Osten gewesen ist, um das so vollmundig zu behaupten. „Das muss ich nicht,“ entgegnete sie schnippisch und mit einem „das weiß man doch,“ wandte sie sich von mir ab.

„Natürlich,“ dachte ich, „Aluhutträger wissen ja auch, dass Lady Diana eigentlich dem MI6 zum Opfer gefallen ist und nicht einem betrunkenen Chauffeur.“ Irgendwann war ich mit einem Kollegen bei seiner Freundin eingeladen. Seine Freundin, die irgendwie auf einem inneren Hippitrail hängengeblieben war, hatte uns zum Essen eingeladen. Es war ein netter Abend, bis sie das Thema Israel zur Sprache brachte und uns fragte, ob wir es nicht auch schrecklich finden würden was Israel mit den Palästinensern macht, Nichtisraelis -damit meinte sie alle Nichtjuden in Israel und darüber hinaus, sprach es aber nicht an-  der täglichen Apartheid der Israelis ausgesetzt seien. Auf meine Frage, woher sie das denn alles wissen würde, kam das übliche, „aber das weiss man doch.“ Damit war der Abend gelaufen und wenn sie mich sieht, dann wechselt sie die Straßenseite oder ignoriert mich.

So verrückt es klingen mag, aber für Iren, die in Israel das Böse schlechthin sehen, existieren die Juden nicht. Es ist alles nur Israelkritik und die muss ja wohl erlaubt sein. Fragt man diese Leute, dann haben sie selbstverständlich nichts gegen Juden, sondern nur Israelis/Zionisten. Selbst wenn man auf den bescheidenen Fakt hinweist, dass die Bevölkerung Israels überwiegend aus Juden besteht, dann wird das ignoriert. Da passt die Rede unseres Präsidenten, die er anlässlich der Tagung des WJC in Dublin gehalten hat und in der er davon sprach, das es nicht zu akzeptieren sei, dass Synagogen und jüdische Einrichtungen von der Polizei geschützt werden müssen.  Knapp 8 Monate später traf er den Gründer der BDS Bewegung, Omar Barghouti, am Rande einer Veranstaltung, die der BDS in Irland abhielt, schließlich ist Irland für den BDS ein wichtiger Ort.

Regelmäßig sind Aktivisten von BDS und IPSC vor Ort wenn Veranstaltungen über Israel stattfinden und stören diese, wenn möglich mit Gewalt, so dass die Garda des Öfteren Veranstaltungen absagen musste, weil die Sicherheit nicht mehr gewährleistet war. Diskussionen finden nicht statt, denn diese Leute wollen nicht diskutieren da sie keine Argumente haben. Higgins war übrigens auch derjenige, der den amerikanischen Radiomoderator Michael Graham im Rahmen einer Diskussion über Israel als „Wichser“bezeichnete.

Irland, das muss man so sagen, hat ein massives Problem mit Antisemitismus. Kommt es zum Thema Naher Osten, dann zeigt sich das. Die Gruppe Irish4Israel kann ein Lied davon singen was es heißt wenn man sich positiv zu Israel äußert. Regelmäßig tauchen Kommentare auf, die Irish4Israel praktisch als 5. Kolonne der Zionisten sehen. So ist es auch nur folgerichtig das Electronic Intifada fragte, wer die Gruppe finanziert. Interessant ist allerdings die Begründung einiger Tweeter warum sie gegen Israel eingestellt sind. Einer meinte die Juden, die er kennen würde, wären seiner Meinung. Auf die Frage wieviel das denn sein sollen, denn es würden in dem County in dem er lebt keine Juden leben, meinte er es wären zwei und die wären signifikant. Geht man von dieser Logik aus, dann haben Juden nichts mit Israel zu tun, denn Juden, die lehnen Israel ab.

Fragt man mich woher dieses Verhältnis kommt dann muß ich gestehen, dass ich mich das auch schon gefragt habe. Ich nehme an das es mit der Geschichte Irlands zu tun hat. Anfang des 20. Jahrhunderts, als Irland noch von England besetzt war, da war es ausgerechnet der Gründer des Sinn Féin, Arthur Griffith, der vorschlug, dass die Juden Osteuropas sich in großer Zahl in Irland niederlassen sollten um den Pogromen zu entkommen. Griffith, der ein paar Jahre vorher noch ganz anders sprach, sah in den Juden eine Chance für Irland und wahrscheinlich rechnete er damit, dass die jüdischen Neuankömmlinge die irische Sache voranbringen würden. Nur wollten die halt nicht und nach einer Zwischenstation in Irland emigrierten sie in die USA. Auch nach der Gründung des irischen Freistaats standen die Iren der jüdischen Sache positiv gegenüber, waren sie doch der Meinung, dass die Juden, so wie die Iren, Opfer der Engländer waren. Nun war man, was die europäischen Juden betraf, nicht gerade sehr offen und verweigerte das ausschiffen der Flüchtlinge in Irland.

Selbst als der Staat Israel gegründet wurde, da waren die Iren auf der Seite des jüdischen Staates. Das änderte sich sehr rasch, als Israel um sein Überleben kämpfen musste und infolge dessen viele Araber, häufig in Folge der arabischen Propaganda,  die Gegend verließen. Da schlugen sich die Iren auf die Seite der Araber, besonders nach dem 6 Tage Krieg, den Israel gewann. Hinzu kommt, das Sinn Féin als politischer Arm der IRA, traditionell gute Beziehungen zur PLO unterhielt. Über Jahrzehnte herrschte Konsens in der irischen Gesellschaft die Palästinenser zu unterstützen. Ganz besonders als irische Soldaten, die als UN Blauhelme Dienst auf dem Golan und in Südlibanon machten, zwischen die Fronten gerieten. Von daher war es nur konsequent das die diplomatischen Beziehung zwischen Irland und Israel 1975 begann, aber erst 1993 sowohl in Tel Aviv, als auch in Dublin Botschaften entstanden,  auf Grund der Verhandlungen zwischen Rabin und Arafat.

Seit ein paar Wochen nun versuchen Aktivisten die irische Regierung dazu zu drängen, die israelischen Diplomaten auszuweisen, was sich als überflüssig erweisen könnte, denn das israelische Außenministerium plant Botschaften zu schließen, darunter auch die Botschaft in Dublin. Das wäre zwar schade, aber warum soll Israel eine Botschaft in einem Staat offen halten, deren Vertreter gewillt sind nicht nur Palästina als Staat anzuerkennen und dies auch in der UNO durchbringen wollen, sondern generell Probleme mit dem Staat Israel haben und wo Kontokündigungen des BDS eher eine beschwichtigende Geste gegenüber den USA sind, da zwischen Dublin und Washington, bezüglich Israel, ein rauher Ton herrscht.

Irland dürfte auch das einzige Land in Europa sein, wo ein Bürgermeister eine palästinensische Fahne hisst, auf einer Konferenz in Ramallah unter dem Konterfei  von Mohammed Amin al-Husseini sitzt, und, geht es nach dem Blogger Ronan Deasy, endlich zurücktreten sollte, denn Mícheál MacDonncha behauptet nicht zu wissen, wer Mohammed Amin al-Husseini war. Dieser Bürgermeister erklärt dann gegenüber der irischen Presse, dass er kein Antisemit sei und das bestätigt das, was Paul Lendvai als den Antisemitismus ohne Juden bezeichnet hat, denn wenn man sich weigert zu akzeptieren das Israel ein überwiegend jüdischer Staat ist, und peinlich zwischen Juden und Israelis unterscheidet, dann kann man natürlich auch kein Antisemit sein, denn wo keine Juden, da keine Antisemiten. Ich glaube diesen Spagat schaffen nur die Iren. So lange es Organisationen wie den IPSC und BDS gibt und palästinensische Fahnen gern und Zahlreich auf Sportveranstaltungen geschwenkt werden, besonders bei Veranstaltungen der GAA, so lange wird sich an dem Verhalten nichts ändern, höchstens, wenn Israel von Hamas und Konsorten von der Karte gefegt wird, was hoffentlich nie eintritt. Israel kann von daher auf solche diplomatischen Beziehungen gut und gern  verzichten.

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