Irische Obsession

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Demonstranten in Dublin (Quelle Haaretz)

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem Land dessen Bewohner überwiegend eine Abneigung gegen ein Land hegen und in dessen Parlament Abgeordnete weniger über die Probleme im eigenen Land diskutieren, dafür aber um so mehr sich Gedanken machen über das andere Land. Nichts lassen sie unversucht dieses Gebilde, welches sie ablehnen, in Misskredit zu bringen und reichen, ja so viel Zeit hat man, sowohl vor dem europäischen Parlament, als auch in der UNO Gesetzesentwürfe ein, wie man diesen Stachel im Fleisch der Weltgemeinschaft endlich aus der Geschichte tilgen kann.

Man kann diesem Land natürlich nicht den Krieg erklären, dafür ist es zu weit weg und man selber ist militärisch nicht gerade eine Weltmacht, auch wenn man im Rahmen der UN-Missionen sich einen Namen gemacht hat. Also muss man andere Wege gehen und so vergeht kaum eine Woche in der nicht ein Entwurf nach dem anderen eingebracht wird und sogar dessen Staatspräsident auf der Seite dieser Leute ist und das kleine Land, das man nicht mag, in Bausch und Bogen verdammt, egal was dieses Land macht. In deren Augen reicht allein schon die bloße Existenz um Schnappatmung zu bekommen.

Der neuste Coup dieser wackeren Streiter und Hüter der Menschenrechte, obwohl peinlich genau darauf geachtet wird das nur dieses Land sich an die hält, ist ein Gesetzesentwurf  der den totalen Boykott des anderen Landes fordert, völlig egal ob dann Arbeitsplätze verloren gehen. Das muss weg! Lautet der Tenor. Und sobald dieses Land nicht mehr existiert, weil es wirtschaftlich zusammengebrochen ist und klein beigibt, hat man endlich gesiegt und muss sich dessen Bewohnern auch nicht mehr schämen.

So, wenn Sie jetzt glauben bei dem Land handelt es sich um irgendeinen Staat in der Welt, oder glauben, wegen Europa, es mit Russland zu tun zu haben, weit gefehlt. Die Rede ist von Irland und Israel. Ich hatte ja schon geschrieben wie ich dieses Land in Bezug auf Israel erlebe und bin nach wie vor der Meinung, dass Irland ein gewaltiges Problem mit Antisemitismus hat und das Israelfeindlichste Land in der gesamten EU ist. Das perfide in diesem Land ist, alle die etwas gegen Israel und seine Bewohner haben, sind natürlich keine Antisemiten, Antizionisten, vielleicht, aber doch eher Israelkritiker. Man hört von Ihnen keinen Piep über Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern, oder über die humanitäre Katastrophe die sich zur Zeit im Mittelmeer, oder im Kongo ereignet. Aber sobald in Gaza ein Sack Reis umfällt gehen sie ab wie ein Eichhörnchen auf Nutella.

Natürlich geht Ihnen das zu Herzen, wenn Flüchtlinge nach Europa kommen, keine Frage, aber all das ist nichts im Vergleich zu Israel. Die Lage der Palästinenser im Libanon, oder derzeit in Syrien, mag tragisch sein, wäre ohne die Gründung Israels aber nie passiert. Und so brachte der Senator Francis Black, Mitglied der Independent, mit Unterstützung von Sinn Féin und anderer Parteien einen Gesetzentwurf ein der Importe aus Israel boykottieren soll. Natürlich kann man spitzfindig sagen, es handele sich ja nur um Waren aus den umstrittenen Gebieten, aber da man nicht zwischen „Made in Israel“ und „Made in Israel“ unterscheiden kann, betrifft dieser Boykott alle Produkte.

Nun reicht eigentlich ein Blick in die Handelsbilanz zwischen beiden Ländern um zu erkennen, wie bescheuert dieser Entwurf ist. Während Israel Waren im Wert von ca. 81 Mio. $ nach Irland exportiert, importierte es 2016 wiederum Waren im Wert von 1.63 Mrd. $ und steht damit, in der Liste der Handelspartner Irlands, auf dem 11. Platz. Während irische Ökonomen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, was das für Folgen haben könnte, feierten es die üblichen Verdächtigen aus Sinn Féin, Independent, Linken und irgendwelchen Palästina Solidaritätsgruppen, als den größten Gesetzentwurf seit Ausrufung der Unabhängigkeit.

Diejenigen, die diesen Antrag eingebracht haben ist eigentlich überhaupt nicht bewusst um was es geht und wie das die Wirtschaft, angesichts des Brexit -bei dem keiner weiß, was es für Folgen für die irische Wirtschaft hat- verändern könnte. Es geht den Befürwortern nicht nur um einen Boykott, nein sie wünschen sich auch dass israelische Firmen in Irland ihre Büros abziehen. Jeden, der sich in der Geschichte auskennt, erinnert das nicht nur an die „Kauft nicht bei Juden“ Kampagne der Nazis, sondern auch an die darauf folgende Arisierung jüdischer Betriebe. Darauf angesprochen meinte beispielsweise Senator David Norris (Independent), “[W]e in Europe resolved our consciences after the Holocaust by inflicting what the Palestinian people call the Nakba, the catastrophe or disaster, on third parties, the Palestinians…” (In Europa haben wir unser Gewissen nach dem Holocaust gereinigt, indem wir das, was die Palästinenser Nakba, die Katastrophe oder Unglück nennen, Dritten, den Palästinensern zufügen…..)

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David Norris

Nun könnte man den wackeren Senator fragen, wie es mit der irischen Solidarität gegenüber den Juden stand, oder dem Verhältnis der Iren den Tibetern gegenüber, aber so, wie ich viele irische Politiker einschätze, würden sie diese Frage gar nicht verstehen wollen. Mark Humphrys schreibt: „Hard to believe now, but Norris was pro-Israel in the 1980s. He had a long relationship (until 2001) with a gay, far-left, self-hating Israeli, Ezra Nawi, and sadly eventually Norris‘ views became strongly anti-Israel.“

2011 kandidierte er gegen Michael D. Higgins um das Amt des Präsidenten, zog seine Bewerbung aber zurück, als bekannt wurde, dass er für Ezra Nawi um Milde nachgesucht hatte, den ein Gericht in Israel wegen Kindesmißbrauchs zu einer Gefängnisstrafe verurteilte. Nun ist der Schauspieler Rory Cowan, bekannt aus Mrs. Brown’s Boys, auch homosexuell, aber im Gegensatz zu Norris ein glühender Verteidiger Israels und wurde in der

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Stands with Israel – Rory Cowan. Veranstaltung von United with Israel 2013

Vergangenheit nicht nur wegen seiner Homosexualität, die er offen auslebt, sondern auch wegen Israel teilweise mit dem Tode bedroht. Von daher war es kein Wunder das er Norris seinerzeit in die Parade fuhr als dieser behauptete, dass in Israel Homosexuelle völlig entrechtet wären und dringend Schutz vor der Gesellschaft benötigen würden. Aber kehren wir von Norris wieder zum Thema zurück.

Das israelische Unternehmen Teva, einer der größten Hersteller für Pharmazeutika, besitzt zwei Fabriken in Irland und zählt zu einem der größten Arbeitgeber. Da nun die Arbeitslosigkeit in diesem Land immer noch sehr hoch ist, wäre der Weggang von Teva eine mittlere Katastrophe, aber das ficht diese wackeren Kämpfer nicht an.  Heute Morgen las ich in der Times dass mittlerweile die Zahl derjenigen, die auf einen Termin im Krankenhaus warten, bei einer Million liegt. Ich bin einer von ihnen und warte seit einem Jahr auf einen Termin bei einem Urologen. Mein Termin in der Herzklinik ging schnell, nur 3 Monate, also kann ich mich glücklich schätzen, aber Iren sagen, Irland wäre kein Land um krank zu werden.

Teilweise sind die Ambulanzen überfüllt und die Leute warten teilweise bis zu 72 Stunden auf den Fluren. Etwa eine Millionen Menschen in diesem Land sind Obdachlos weil sie die Mieten nicht mehr zahlen können, darunter Familien mit Kindern. „Housing,“ so heißt hier das soziale Wohnen kommt nur schleppend in Gang und viele Councils haben die Zahl von sozialen Häusern auf ein Minimum zurückgefahren. Da viele unserer Abgeordneten selber Landlords sind, haben sie natürlich kein Interesse an einer Regulierung der Mietpreise, oder einer Black List für Landlords, die potenzielle Mieter einsehen könnten.

Also verlangt man für Bruchbuden, die von oben bis unten verschimmelt sind, Unsummen an Miete, weil man ganz genau weiß, wenn die Iren sich das nicht leisten können, die Ausländer, die für die Multinationalen Konzerne arbeiten, werden es sich leisten müssen.  Unsere Politiker machen dann ein Gesicht wie ein Bestattungsunternehmer auf Valium und sagen in die Kameras und Mikrofone, dass sie das alles nicht gewusst hätten und da mal dringen was tun müssen. Nun hat Irland nicht die Größe von China, da kann es sein dass jemand in Peking nicht weiss, wie es in Shanghai zugeht. Aber hier leben wir quasi als direkte Nachbarn.

Heute kam dann noch der überraschte Ausruf man hätte nicht gewusst dass 350 Consultants in den Krankenhäusern fehlen würden und man diese Händeringend sucht. Nun fehlten die schon vor 5 Jahren, aber es ist gut dass das auffällt, vielleicht ändert sich in den nächsten Jahren mal was. Und genau das ist das Problem. Wie jemand bei RTÉ in den Kommentaren schrieb, „wäre ich Palästinenser, dann würde man mich mit offenen Armen empfangen.“ Da ging es um Jugendliche aus dem Gaza, die auf Einladung an einem Fußballturnier teilnahmen und dabei auch wieder die Solidarität der irischen Bevölkerung mit Palästina betont wurde. Nur wenige Iren interessieren sich dafür, denn wir haben halt ganz andere Probleme, aber es gibt Leute in diesem Land die haben, man kann es nicht anders sagen, einen ausgeprägten Judenknacks. Natürlich sind sie keine Antisemiten, woher auch, ist ja völlig normal nach Ramallah zu reisen und unter dem Konterfei von Mohammed Amin al-Husseini zu sitzen und nachher zu sagen, man wisse nicht wer das ist und nein, natürlich sei man kein Antisemit.

Nun lebe ich gerne hier, aber ehrlich gesagt sind mir veritable Antisemiten lieber die aus ihrer Haltung keinen Hehl machen und einem verschwörerisch in’s Ohren raunen, „finden Sie nicht auch dass die Juden zuviel Einfluss in der Welt haben und es ohne die Ostküste auf der Welt besser wäre?“ Da weiss man wenigstens woran man ist, als dieser versteckte Antisemitismus der sich einzig und allein auf ein Land konzentriert und die Probleme im eigenen Land und der eigenen Gesellschaft kategorisch ausblendet. Und wo man ständig hört, „um Gottes Willen, nein wir haben nichts gegen die Juden, aber ohne Israel wäre die Welt doch ein sicherer Ort!“ Kein Wunder das Fianna Fáil erklärte, diesen Vorschlag ohne Wenn und Aber zu Fall bringen zu wollen.    

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